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Warum Trump ein Faschist ist

anonym, 31.05.2026

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Es gibt diesen Satz, den ich seit zehn Jahren in deutschen Medien lese, in immer neuen Variationen, in immer denselben Talkshows, von immer denselben Leuten mit immer denselben Krawatten: „Naja, man muss aber vorsichtig sein mit historischen Vergleichen."

Nein. Muss man nicht.

Man muss vorsichtig sein mit falschen Vergleichen. Man muss vorsichtig sein mit unpräzisen Vergleichen. Man muss vorsichtig sein, weil Begriffe Werkzeuge sind und stumpfe Werkzeuge die Hand schneiden, die sie hält. Aber man muss eben nicht aus reflexhafter deutscher Geschichtsbetulichkeit so tun, als sei der Begriff Faschismus so heilig, dass er nur noch für die Toten von Auschwitz reserviert sei und für niemanden sonst.

Wer das tut – und damit meine ich namentlich die ganze Riege der Welt-Kolumnist:innen, die Zeit-Feuilletonist:innen, die ZDF-Auslandskorrespondent:innen und die SPD-Mittelbau-Erklärbär:innen, die zwischen 2016 und 2026 jedes einzelne Mal „aber Faschismus ist das ja nun auch nicht" in die Kamera gesagt haben – ist mitverantwortlich für das, was jetzt passiert. Punkt. Setzen. Sechs.

Also lasst uns das mal richtig machen. Mit Wissenschaft. Mit Geschichte. Mit den Fakten, die seit Jahren auf dem Tisch liegen und die niemand wegdiskutieren kann, ohne sich öffentlich zum Idioten zu machen.

Das hier wird lang. Wer keine Zeit hat: scrollt runter zu Punkt 14. Wer Zeit hat: schnallt euch an.


1. Warum die deutsche Linke beim Wort Faschist zittert – und die deutsche Mitte gleich ganz ausweicht

Bevor wir zur Analyse kommen, kurz zur Therapie. Denn das deutsche Problem mit dem F-Wort ist ein eigenes Kapitel und gehört verstanden.

Die bundesdeutsche Nachkriegsidentität ist auf einer fundamentalen Lüge gebaut: „Auschwitz war ein singuläres Ereignis, ausgelöst von einem singulären Mann, in einer singulären historischen Konstellation, die sich nie wiederholen kann." Diese Lüge war politisch nützlich, weil sie es ermöglichte, die NS-Eliten in Justiz, Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung nach 1949 weitestgehend in ihren Ämtern zu belassen. Sie ist aber – historisch betrachtet – Quatsch. Faschismus war 1933 kein deutsches Sonderprodukt, sondern eine europaweite Bewegung mit Pendants in Italien, Spanien, Portugal, Ungarn, Rumänien, Kroatien, Belgien, Frankreich, Norwegen, Großbritannien (Mosleys BUF), den USA (Father Coughlin, German-American Bund, KKK), Brasilien (Integralismo), Japan und ein paar Dutzend anderen Ländern. Die Idee, dass Faschismus = NSDAP sei und alles andere müsse anders heißen, ist eine deutsche Spezialverkürzung, die in der internationalen Forschung niemand teilt.

Diese Verkürzung hat einen handfesten politischen Effekt: Sie macht das Wort Faschismus zu einem Tabu, und ein Tabu ist die effektivste Form der Tarnung, die Faschist:innen sich wünschen können. Wer nicht beim Namen genannt werden darf, ist halb gewonnen.

Genau deswegen müssen wir das Wort benutzen, sauber, hart und mit Begründung. Nicht als Beschimpfung, sondern als Diagnose.


2. Was Faschismus ist – nach den Leuten, die das wirklich studiert haben

Es gibt im 21. Jahrhundert eine kleine, aber äußerst kompetente Riege internationaler Faschismusforscher:innen, deren Arbeit zusammen einen ziemlich klaren Konsens ergibt. Die wichtigsten:

Robert O. Paxton, Columbia University, The Anatomy of Fascism (2004). Definition:

„Eine Form politischen Verhaltens, die geprägt ist von obsessiver Beschäftigung mit gemeinschaftlichem Niedergang, Demütigung oder Opferrolle und durch kompensatorische Kulte von Einheit, Energie und Reinheit, in denen eine massenbasierte Partei aus engagierten nationalistischen Aktivist:innen, in unbehaglicher aber wirksamer Zusammenarbeit mit traditionellen Eliten, demokratische Freiheiten aufgibt und mittels erlösender Gewalt und ohne ethische oder rechtliche Schranken Ziele innerer Säuberung und äußerer Expansion verfolgt."

Paxton hat das Wort Faschist für Trump jahrelang explizit abgelehnt. Am 11. Januar 2021 – fünf Tage nach dem Sturm aufs Kapitol – hat er in Newsweek öffentlich seine Meinung geändert: Der Sturm aufs Kapitol sei der crossing of a red line gewesen. Trump sei nun ein Faschist. Wenn der Mann, der die akademische Goldwaage für dieses Wort konstruiert hat, sagt: „Jetzt passt es" – dann sollten wir vielleicht zuhören.

Umberto Eco, Ur-Fascism (1995). Eco war als Kind italienischer Faschist – er weiß, wovon er redet. Seine 14 Merkmale (Cult of Tradition; Rejection of Modernism; Cult of Action for Action's Sake; Disagreement Is Treason; Fear of Difference; Appeal to a Frustrated Middle Class; Obsession with a Plot; The Enemy Is Both Strong and Weak; Life Is Permanent Warfare; Contempt for the Weak; Everybody Is Educated to Become a Hero; Machismo; Selective Populism; Newspeak) sind seit 30 Jahren der niedrigschwellige Checklisten-Standard. Eco betont ausdrücklich: Man braucht nicht alle 14 – schon einige genügen, „um den Faschismus um sich kristallisieren zu lassen".

Bei Trump: dreizehn von vierzehn voll erfüllt. Die einzige Lücke ist „Cult of Tradition" im okkult-esoterischen Sinn, und auch die wird mittlerweile von der theokratisch-christlich-nationalistischen Flanke (Vance, Bannon, die New Apostolic Reformation) zuverlässig nachgereicht.

Jason Stanley, Yale, How Fascism Works (2018). Stanley reduziert das Ganze auf 10 Säulen: the mythic past, propaganda, anti-intellectualism, unreality, hierarchy, victimhood, law and order, sexual anxiety, Sodom and Gomorrah, Arbeit macht frei. Wer Trumps Reden auch nur eine Woche zur Kenntnis nimmt, hakt alle zehn ab. Stanley ist 2024 von Yale weggezogen – nach Toronto. Begründung: „Ich gehe, weil ich meinen Kindern nicht zumuten will, in einem faschistischen Land aufzuwachsen." Wenn ein Faschismusforscher mit Holocaust-Familiengeschichte sagt „ich verlasse das Land aus genau diesem Grund", dann sollten wir das nicht zu einer Marginalie machen.

Ruth Ben-Ghiat, NYU, Strongmen (2020). Spezialistin für italienischen Faschismus und für die Vergleichsstruktur autoritärer Anführer seit Mussolini. Sie ordnet Trump in eine durchgehende Linie ein: Mussolini → Franco → Pinochet → Erdoğan → Orbán → Trump. Ihre zentrale These: Strongmen folgen einem wiederkehrenden Skript aus Persönlichkeitskult, Korruption, sexueller Gewalt, Anti-Intellektualismus und Justizzerstörung. Trump folgt diesem Skript Schritt für Schritt.

Timothy Snyder, Yale (mittlerweile University of Toronto), On Tyranny (2017) und On Freedom (2024). Historiker des Holocaust und der osteuropäischen Massengewalt. Nennt Trump seit 2016 einen Faschisten und hat 2024 die These vertreten, der eigentlich passendere Begriff sei nicht Faschist, sondern „Schmittianer" – nach dem deutschen NS-Kronjuristen Carl Schmitt, dessen Lehre vom „Ausnahmezustand" und der „Freund-Feind-Unterscheidung" das eigentliche operative Manual der zweiten Trump-Administration sei. Auch Snyder lebt inzwischen in Kanada.

Federico Finchelstein, New School, A Brief History of Fascist Lies (2020). Schwerpunkt: die Funktion der Lüge im Faschismus. Seine Diagnose: Trumps systematische Realitätsverleugnung (Stichwort alternative facts, stolen election, fake news) sei kein Stil, sondern ein strukturelles Merkmal faschistischer Politik – die Lüge nicht als Mittel zum Zweck, sondern als Selbstzweck, als Loyalitätstest, als Macht-Demonstration.

Madeleine Albright (keine Wissenschaftlerin, aber Holocaust-Überlebende und ehemalige US-Außenministerin), Fascism: A Warning (2018). Diagnose Trump: ja, Faschist, „the first anti-democratic president in modern U.S. history." Albright ist 2022 gestorben, ohne ihre Warnung zurücknehmen zu müssen.

Sieben Stimmen, alle international anerkannt, alle mit klarer Diagnose. Was nochmal die Frage aufwirft: Warum debattieren wir in deutschen Talkshows noch über das Ob, statt über das Was tun?


3. Paxtons neun mobilisierende Leidenschaften – einzeln durchgegangen

Paxton hat in The Anatomy of Fascism neben der Definition auch neun „mobilizing passions" aufgeführt – emotionale Treiber, die Faschismus von anderen Autoritarismen unterscheiden. Gehen wir die durch.

1. „Das Gefühl überwältigender Krise jenseits der Reichweite jeder traditionellen Lösung." MAGA in einem Satz. American Carnage in der Antrittsrede 2017. „Our country is going to hell." Standardrhetorik.

2. „Der Vorrang der Gruppe, gegenüber der das Individuum Pflichten hat und welcher gegenüber Rechte des Individuums zurückzustehen haben." „America First." Buchstäblich.

3. „Der Glaube, dass die eigene Gruppe ein Opfer ist – ein Gefühl, das Handlungen gegen ihre Feinde, innen wie außen, ohne juristische oder moralische Grenzen rechtfertigt." Der gesamte Stolen-Election-Komplex. Der gesamte Great-Replacement-Diskurs. Der gesamte War on Christmas / War on White Men / War on Cops-Kanon.

4. „Angst vor dem Niedergang der Gruppe unter den korrumpierenden Einflüssen der Individualisten und der Fremden." Migrant:innen als „poisoning the blood of our country" (Trump, wörtlich, Dezember 2023). Identisches Vokabular wie Mein Kampf, identische Stoßrichtung. Nicht „ähnlich", nicht „erinnert an": identisch.

5. „Das Bedürfnis nach engerer Integration einer reineren Gemeinschaft, durch Konsens, wenn möglich, oder durch ausschließende Gewalt, wenn nötig." Massendeportationen, Ende des birthright citizenship per Executive Order, „denaturalization"-Programm gegen eingebürgerte Bürger:innen.

6. „Das Bedürfnis nach Autorität durch natürliche Anführer (immer männlich), kulminierend in einem nationalen Führer, der allein in der Lage ist, das historische Schicksal der Gruppe zu verkörpern." „I alone can fix it." (2016, Convention Speech, wörtlich.) Plus: „I am your retribution." (2023, CPAC, wörtlich.) Plus: die religiös aufgeladene Heiligen-Ikonographie nach dem Attentatsversuch im Juli 2024. Plus: die offen messianische Rhetorik der MAGA-Bewegung („God sent us Trump" als Standardposter auf jeder Rallye).

7. „Die Überlegenheit des Instinkts des Anführers gegenüber abstrakter und universaler Vernunft." „I have a very good brain." „I know more about ISIS than the generals." „My gut tells me more in five seconds than 700 economists in 700 days." (Reale Zitate, alle drei.)

8. „Die Schönheit der Gewalt und die Wirksamkeit des Willens, wenn beide einer Gruppe gewidmet sind." Die Begnadigung der 6.-Januar-Verurteilten am ersten Amtstag 2025 – inklusive aller Gewalttäter:innen, Proud Boys, Oath Keepers. Die offene Bewunderung für Putin, Orbán, Kim Jong-un, Duterte. Die wiederholten „second amendment people"-Andeutungen gegen Hillary Clinton 2016. Die „knock the crap out of them"-Aufrufe in Wahlkampfreden 2016 und 2024.

9. „Das Recht eines auserwählten Volkes, andere ohne Beschränkungen durch menschliches oder göttliches Gesetz zu dominieren, wobei das Recht ausschließlich durch das Kriterium der Tüchtigkeit der Gruppe in einem darwinistischen Kampf bestimmt wird." „Manifest Destiny in the stars." (Trump, Antrittsrede 20.01.2025, wörtlich.) Plus die Annexionsfantasien zu Grönland, Panama, Kanada. Plus die Rücknahme jeglicher menschenrechtlicher Außenpolitik. Plus der Austritt aus dem UN-Menschenrechtsrat, der WHO, dem Pariser Klimaabkommen, dem ICC.

Neun von neun. Vollhaus.


4. Ecos vierzehn Merkmale – die ehrliche Checkliste

Nochmal, weil es Spaß macht. Eco, 1995, NYRB. Was passt auf Trump?

# Merkmal Trifft auf Trump zu? Beleg
1 Cult of Tradition ✓ teilweise „Make America Great Again" – Verklärung eines nie existierten 1950er-Amerika
2 Rejection of Modernism Anti-Wissenschaft, Anti-Klima, Anti-Universitäten, Anti-Aufklärung
3 Action for Action's Sake „We will move with speed and force the likes of which this country has never seen." (Inauguration 2025)
4 Disagreement Is Treason Liz Cheney und Adam Kinzinger als „traitors"; Jack Smith als „deranged psycho"; das gesamte FBI als „enemy of the people"
5 Fear of Difference Muslim Ban, Travel Ban, „shithole countries", Trans-Bann im Militär, Anti-DEI-Executive-Orders
6 Appeal to a Frustrated Middle Class das gesamte MAGA-Soziologie-Lehrbuch
7 Obsession with a Plot ✓✓✓ „Deep State", „Globalists", „The Cabal", QAnon, „Stop the Steal" – nichts in der Trump-Bewegung funktioniert ohne Verschwörungsdenken
8 The Enemy Is Both Strong and Weak Migrant:innen sind gleichzeitig hilflose Loser („they're not sending their best") und eine existenzielle Bedrohung („they're poisoning the blood"). Klassisch faschistische Dialektik
9 Life Is Permanent Warfare „American Carnage", „War on Cops", „War on Christmas", „Battle for the Soul of America"
10 Contempt for the Weak Mockery of Serge Kovaleski (2015), „losers and suckers"-Aussage über gefallene US-Soldat:innen (Atlantic 2020, mehrfach bestätigt), Verachtung für Obdachlose, Behinderte, Verlierer:innen jeder Art
11 Everybody Is Educated to Become a Hero MAGA als Heldenkult – jeder Rally-Besucher ist ein „patriot" in einem Endkampf
12 Machismo ✓✓✓ Access-Hollywood-Tape, E. Jean Carroll (gerichtsfest festgestellte sexuelle Übergriffe), das gesamte Männlichkeitstheater von „Trump Force One" bis zum gold-überzogenen Oval Office
13 Selective Populism „I am your voice." – das Volk existiert nur, sofern es ihn wählt. Wer ihn nicht wählt, ist „not real America"
14 Newspeak fake news, alternative facts, witch hunt, hoax, deep state, election integrity, peaceful tourists. Eine komplette Parallelsprache

Vierzehn von vierzehn. Wir können den Punkt 1 jetzt auch noch voll geben, weil die christlich-nationalistische Mystifizierung von „the founders" und „our heritage" exakt Ecos „cult of tradition" erfüllt.


5. Faschismus ist ein Prozess, kein Zustand – Paxtons fünf Stadien

Das wichtigste Konzept aus Paxtons Buch ist seine Stadien-Theorie. Faschismus entsteht nicht über Nacht, sondern in fünf Phasen:

  1. Entstehung der Bewegung – kleine, radikale Gruppen, Straßenkampf, Manifeste.
  2. Verwurzelung im politischen System – Eintritt ins Parlament, erste Wahlerfolge, Bündnisse mit Etablierten.
  3. Machtergreifung – meist nicht durch Putsch, sondern durch Einladung der konservativen Eliten.
  4. Ausübung der Macht – Gleichschaltung, Säuberung, Aufrüstung, Repression.
  5. Radikalisierung oder Entropie – entweder Eskalation in Krieg und Vernichtung (NSDAP) oder Stagnation und Selbsterhalt (Mussolini bis 1938, Franco 1939–75).

Wo stehen wir?

  • 2016–2020: klar Stadium 2 mit Übergang zu 3. Trump als Außenseiterkandidat, von der Republican Party erst bekämpft, dann umarmt. Klassische Hindenburg-Replay.
  • 6. Januar 2021: versuchte gewaltsame Machterhaltung – Stadium 3 als attempted coup. Gescheitert, aber nicht bestraft.
  • 2021–2024: quasi-machtfreie Konsolidierung der Bewegung innerhalb der GOP. Vollständige Übernahme der Partei, Verdrängung aller Nicht-MAGA-Republikaner:innen.
  • Januar 2025–heute: Stadium 4. Vollständige Ausübung der Macht.
  • Sichtbare Anzeichen für Übergang zu Stadium 5 (Radikalisierung): Annexionsfantasien, Massendeportationen, Justizzersetzung, Entlassung von Generälen aus Loyalitätsgründen, Truppenentsendungen in US-Städte gegen „enemy within".

Das ist nicht „autoritärer Backlash". Das ist nicht „illiberale Demokratie". Das ist Stadium 4 mit klarer Tendenz zu Stadium 5. Das ist Faschismus in der Vollzugsphase.


6. Was anders ist als 1933 – und warum das nichts ändert

Ein häufiges Argument: „Aber Trump ist doch nicht Hitler!" Stimmt. Wäre auch schlimm, wenn er es wäre, denn dann wäre es schon längst zu spät. Aber das ist die falsche Vergleichsebene.

Faschismus tritt kontextspezifisch auf. Mussolinis Faschismus war anders als Hitlers, Hitlers war anders als Francos, Francos war anders als Salazars. Trumps Faschismus ist ein amerikanischer Faschismus, und der hat eigene Merkmale, die wir benennen müssen, damit der Begriff funktioniert:

  • Religiöser Überbau christlich-nationalistisch, nicht arisch-heidnisch. Die New Apostolic Reformation, das Seven Mountains Mandate, die Christian dominionists spielen die Rolle, die im NS die Deutsche Glaubensbewegung und die Deutschen Christen spielten – mit dem Unterschied, dass sie deutlich einflussreicher sind, als die NS-Religionsexperimente es je waren.
  • Rassistische Hauptachse: anti-Schwarz und anti-Latino, nicht antisemitisch (auch wenn der Antisemitismus, siehe Charlottesville „very fine people", Kanye-Diner, Loomer-Adjazenz, durchgehend mitläuft). Das spiegelt die amerikanische Rassengeschichte.
  • Ökonomische Basis: nicht alter Adel + Schwerindustrie wie 1933, sondern Tech-Oligarchie + Petro-Kapital + evangelikaler Kleinunternehmer:innen-Mittelstand. Die Klasse ist anders, die Funktion ist dieselbe.
  • Medienform: keine Reichsparteitage in Nürnberg, sondern Truth Social, X (vormals Twitter), Fox News, Newsmax, Joe Rogan, Tucker Carlson. Die Choreografie ist digital, die Wirkung dieselbe – wahrscheinlich größer.
  • Paramilitarismus: keine SA in Uniform, sondern Proud Boys, Oath Keepers, Three Percenters, „constitutional sheriffs", Patriot Front, und seit 2025 die hochbewaffneten ICE-Sondereinheiten als de facto präsidentielle Privatarmee.
  • Krieg: keine Wehrmacht für Lebensraum im Osten, sondern Drohnenkrieg, Wirtschaftskrieg, Annexionsdrohungen gegen Verbündete (Grönland, Kanada, Panama), Truppen im eigenen Land gegen „the enemy within".

Die Form ist neu. Die Struktur ist alt. Wer das wegen der Form-Unterschiede leugnet, hat in der Stilkunde sitzengeblieben und Politik nie verstanden.


7. Die Komplizen – warum Faschismus ohne Eliten-Pakt nicht funktioniert

Hier wird es interessant, weil hier die deutsche Linke (und ehrlich gesagt: auch ich, in manchen Phasen) zu kurz greift. Faschismus ist nie eine reine Bewegung von unten. Faschismus ist immer ein Pakt: charismatische Bewegung + traditionelle Eliten.

1922 in Italien: Mussolini + König Vittorio Emanuele III + Industrielle + Militär + Katholische Kirche. 1933 in Deutschland: Hitler + Hindenburg + Hugenberg + Krupp + Thyssen + Reichswehr + evangelische Landeskirchen. 2025 in USA:

  • Peter Thiel. Über ihn habe ich hier schon ausführlich geschrieben. Kurzfassung: Thiel finanziert die intellektuelle Infrastruktur (Claremont Institute, American Affairs, Vance), liefert die Spionagetechnik (Palantir), prägt eine ganze Generation rechter Tech-Kader (PayPal-Mafia: Sacks, Musk, Levchin, Hoffman – mit unterschiedlichen Pfaden, aber prägendem Einfluss).
  • Elon Musk. Hat zwischen 2022 und 2025 eine globale Diskurs-Infrastruktur (Twitter/X) in eine MAGA-Werbeplattform umgebaut, das DOGE als persönliches Spielzeug missbraucht, und ist Anfang 2026 öffentlich mit Trump aneinandergeraten – nachdem der Schaden längst angerichtet war. Klassischer Hugenberg-Move: erst den Faschisten an die Macht hieven, dann sich öffentlich darüber wundern, was er so macht. Hugenberg hat 1933 in seinem Tagebuch geschrieben, er habe Hitler „eingerahmt". Drei Monate später war er Geschichte. Musk wird in den Geschichtsbüchern eine ähnliche Fußnote.
  • Heritage Foundation / Project 2025. Die Mandate for Leadership-Reihe ist seit Reagan ein republikanischer Standard. Project 2025 (offiziell Mandate for Leadership: The Conservative Promise, 2023) ist die radikalste Version davon: über 900 Seiten detaillierter Plan zur Umwandlung der Bundesverwaltung in ein präsidentiell-loyales Instrument. Schedule F, Massendeportationen, Aufhebung der EPA, Abschaffung des Bildungsministeriums, Übernahme des Justizministeriums, Ende der unabhängigen Behörden (Fed, FTC, FCC, SEC). Trump hat im Wahlkampf 2024 behauptet, Project 2025 „nicht zu kennen". Mindestens 140 ehemalige Trump-Beamte haben daran mitgeschrieben. Die Lüge war so offensichtlich, dass selbst CNN sie nicht mehr aushielt.
  • Federalist Society. Hat seit 1982 systematisch eine Bank loyaler konservativer Richter:innen aufgebaut und unter Trump 1.0 drei Supreme-Court-Sitze (Gorsuch, Kavanaugh, Barrett) plus über 230 Bundesrichter:innen platziert. Die Justiz, die Trump in seiner zweiten Amtszeit immer wieder vor strafrechtlichen Konsequenzen schützt und ihm gleichzeitig Executive-Power-Erweiterungen durchwinkt, ist gebaut worden, lange bevor Trump überhaupt Kandidat war. Leonard Leo ist der wichtigste konservative Strippenzieher der amerikanischen Geschichte, den niemand kennt.
  • Republikanische Senator:innen. Mit drei, vielleicht vier Ausnahmen ein geschlossener Kollaborationsblock. Mitch McConnell, der jahrelang im Off-the-Record „Trump is a fascist" sagte und on the record für jede Trump-Maßnahme stimmte, ist der Franz von Papen unserer Zeit. Auch er wird genauso enden: marginalisiert, ignoriert, in den Geschichtsbüchern als Steigbügelhalter erinnert, in keinem Lehrbuch verteidigt.

Diese Architektur – charismatischer Demagoge + Milliardärsklasse + ideologisches Netzwerk + paramilitärische Reserve + kollaborierende konservative Justiz + entkernte Mitte-Rechts-Partei – ist die Architektur, die Paxton, Ben-Ghiat, Snyder und Stanley als Vorbedingung jedes erfolgreichen Faschismus identifiziert haben. Sie ist seit Januar 2025 in den USA vollständig installiert.


8. Project 2025 – das Drehbuch in Klartext

Ein ganzer eigener Abschnitt, weil viele Leute „Project 2025" sagen, ohne zu wissen, was drinsteht. Sehr kurz die Höhepunkte:

  • Schedule F-Klassifizierung für bis zu 50.000 Bundesbeamt:innen – Umwandlung in „at-will"-Stellen, also entlassbar nach politischer Loyalität. Effekt: faktische Abschaffung der unabhängigen Berufsbeamtenschaft auf Bundesebene. Gleichschaltung der Verwaltung, mit anderem Wort.
  • Übernahme des Justizministeriums durch das Weiße Haus. Aufhebung der seit Watergate etablierten Trennung zwischen DOJ und Präsidialamt. Anweisung an den Generalstaatsanwalt, politische Gegner:innen zu verfolgen.
  • Abschaffung des Bildungsministeriums. Bildung als Bundesangelegenheit wird zurück an die Staaten gegeben, wo christlich-nationalistische Lehrpläne (Florida, Texas, Oklahoma) faktisch keine bundesrechtliche Kontrolle mehr fürchten müssen.
  • Vollständige Politisierung des FBI. Entlassung der Spitze, Loyalitätsprüfungen für Agent:innen, Umorientierung weg von Inlandsterrorismus (also: weg von der Rechten) hin zur Verfolgung „antifa, BLM and pro-Hamas activists" (Originalformulierung).
  • Massendeportation als Programmpunkt 1. Ziel: „the largest deportation operation in American history." Mittel: Aufhebung des Status für DACA, TPS, Asyl, Familiennachzug. Lager, militärische Beteiligung, Camp-Infrastruktur.
  • Aufhebung der Geburtsortbürgerschaft per Executive Order – verfassungsrechtlich offen verfassungswidrig (14. Amendment), aber bewusst als Provokation gewählt, um die SCOTUS-Mehrheit testen zu lassen, wie weit sie mitgeht.
  • Politisierung des Militärs. Wiedereinsetzung des Insurrection Act gegen „the enemy within", Säuberung des Offizierskorps von „woke generals", ideologische Tests.
  • Christlich-nationalistische Ausrichtung der gesamten Sozialpolitik. Verbot von Abtreibung auf Bundesebene über die Wiederanwendung des Comstock Act von 1873. Streichung von LGBTQ-Schutzrechten. „Family" als religiös aufgeladener Schlüsselbegriff, „gender ideology" als zu bekämpfender Feind.

Wer das liest und immer noch sagt „aber das ist doch keine faschistische Agenda", dem ist nicht zu helfen. Project 2025 ist die ausformulierte Programmatik einer autoritären, ethnonationalistischen, klerikal-rechten Transformation des amerikanischen Staates. Es fehlt nur noch das Wort Faschismus auf dem Deckblatt – aber das wäre dann auch zu offensichtlich.


9. Die eliminationistische Rhetorik – warum Worte hier wirklich Worte sind

Ein zentrales Element jedes Faschismus ist eliminationistische Sprache – Sprache, die Menschengruppen entmenschlicht und damit ihre spätere Entfernung (Vertreibung, Internierung, im schlimmsten Fall Vernichtung) rhetorisch vorbereitet.

Trump 2026:

  • „poisoning the blood of our country" (über Migrant:innen, Dezember 2023, danach mehrfach wiederholt – wörtlich Mein Kampf)
  • „vermin" (über politische Gegner:innen, Veterans Day 2023 – wörtlich Goebbels über Juden und Bolschewiki)
  • „enemy within" (über die eigene Bevölkerung, Wahlkampf 2024 – wörtlich Stalin, später McCarthy)
  • „they're not human" (über Mara-Salvatrucha-Mitglieder, Cabinet Meeting 2018, später ausgeweitet auf Migrant:innen allgemein)
  • „get them out, get them out" (über Demonstrant:innen auf Rallyes, Standardrepertoire seit 2015)
  • „retribution" (über die geplante zweite Amtszeit, CPAC 2023)

Diese Sprache ist keine Stilfrage. Sie ist Tatbestandsvorbereitung. Gregory Stanton, der Gründer von Genocide Watch, hat die Ten Stages of Genocide katalogisiert. Stufe 4 ist Dehumanization. Stufe 5 ist Organization. Stufe 6 ist Polarization. Stufe 7 ist Preparation. Stufe 8 ist Persecution.

Stanton selbst hat im Februar 2025 öffentlich gewarnt, die USA befänden sich in Stufe 7. Genocide Watch hat ein Land in Stufe 7 noch nie wieder dabei beobachtet, ohne dass Stufe 8 folgte.

Wer das „übertrieben" findet: nennt mir das Gegenargument. Nicht das Bauchgefühl, das Argument.


10. Die ökonomische Funktion – Faschismus als Krisenmanagement des Kapitals

Hier müssen wir kurz Klartext sprechen, weil das in liberalen Analysen fast immer fehlt. Faschismus ist nie nur Kultur und Symbolik. Faschismus ist immer auch Krisenmanagement des Kapitals, wenn die parlamentarische Demokratie zu langsam, zu teuer oder zu unzuverlässig wird, um die Gewinnrate zu sichern. Das war 1922, 1933, 1939 so. Das ist 2025 so.

Die strukturellen Funktionen:

  • Disziplinierung der Lohnabhängigen durch Zerschlagung von Gewerkschaften (NLRB-Sabotage, right to work-Expansion, Trumps systematische Sabotage der UAW-Solidaritätsstreiks 2025).
  • Umverteilung nach oben durch Steuersenkungen für die Spitze, Streichung von Sozialprogrammen, Deregulierung. Das „One Big Beautiful Bill" von 2025 hat die obersten 0,1 % um durchschnittlich 280.000 USD pro Jahr entlastet und gleichzeitig 16 Millionen Menschen die Krankenversicherung gestrichen. Kein Witz, sondern Tatsache.
  • Externalisierung sozialer Konflikte auf Sündenböcke – Migrant:innen, trans Personen, „woke elites", Universitäten – damit die eigentliche Verteilungsfrage gar nicht mehr gestellt wird.
  • Schaffung neuer Akkumulationsfelder durch Militarisierung, Überwachung, Privatisierung von Gefängnissen, Lagern, Grenzanlagen. Palantir, GEO Group, CoreCivic, Anduril – allesamt mit massiven Umsatzsteigerungen seit Januar 2025.
  • Wettbewerbsvorteile durch Außenpolitik – Zölle, Sanktionen, Annexionsdrohungen als Verhandlungsdruck zugunsten amerikanischer Großunternehmen.

Wer Faschismus nur als kulturelles Phänomen analysiert, wird ihn nie verstehen. Faschismus ist immer auch „die offenste, brutalste, terroristischste Diktatur des Finanzkapitals" – das Zitat ist von Georgi Dimitroff, Komintern 1935, und ja, das ist altmodisch, aber strukturell trifft es immer noch. Wer das aus Berührungsängsten gegen das „K-Wort" nicht zitieren mag, soll halt Nicos Poulantzas lesen, der dasselbe in 600 Seiten und ohne Stalin-Geruch beweist.


11. Der ästhetische und libidinöse Faschismus – warum es Spaß macht

Ein häufig übersehener Punkt, den Walter Benjamin (Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, 1936) und später Klaus Theweleit (Männerphantasien, 1977/78) am besten beschrieben haben: Faschismus funktioniert nicht trotz seiner Hässlichkeit, sondern wegen seiner spezifischen Ästhetik.

Trumps Faschismus hat eine genuine, identifizierbare Ästhetik:

  • Gold. Überall Gold. Das Penthouse, das Oval Office (seit 2025 nochmal vergoldet), die Gulfstream, die Trophäenwand. Gold als Zeichen von Überfluss = Macht = Reinheit.
  • Größe. „Biggest crowd ever." „Best economy ever." „Greatest president ever." Das hyperbolische Superlativ als rhetorische Konstante.
  • Reinheit. Sauber gegen schmutzig. Clean coal. Drain the swamp. Clean up the streets. Beautiful wall. Das Schmutzige sind immer die Anderen – Migrant:innen, Demokraten, Bürokrat:innen, die Stadt selbst („American carnage").
  • Männlichkeit. UFC-Auftritte, MMA-Estetik, „alpha"-Rhetorik, Trump als oberster Bodybuilder eines weißen, christlichen, hetero, harten Amerika.
  • Märtyrertum. Das ikonische Foto nach dem Attentatsversuch in Butler im Juli 2024 – Faust hoch, Blut im Gesicht, Flagge dahinter. Dieses Bild wurde innerhalb von 48 Stunden in eine Million MAGA-Bilder verwandelt: Trump als Christus, Trump als Märtyrer, Trump als Auferstandener. Walter Benjamin hat exakt diese Choreografie der politischen Heiligsprechung 1936 beschrieben.

Theweleit hat in Männerphantasien gezeigt, dass der Faschismus eine libidinöse Ökonomie hat – er bedient tiefliegende Wünsche nach Härte, nach Reinheit, nach Auflösung des Ichs in der Masse, nach Gewalt gegen das Weiche und Andere. Wer MAGA-Rallyes ansieht und nur „dumme Leute" sieht, hat Theweleit nicht gelesen. Was da abläuft, ist eine sehr genaue, sehr alte, sehr wirksame Mobilisierung von Triebstrukturen. Genau deshalb funktioniert es. Genau deshalb reichen Faktenchecks nicht.


12. Die internationale Achse – warum das nicht „nur Amerika" ist

Sehr knapp, weil schon Punkt 7 darauf eingeht: 2026 gibt es einen transatlantischen Faschismus-Block in der praktischen Vernetzung:

  • USA: Trump, Vance, MAGA-GOP
  • Italien: Meloni, Fratelli d'Italia (postfaschistische Nachfolgepartei des MSI, die nie ihre Ursprünge entsorgt hat)
  • Ungarn: Orbán (Selbstbezeichnung: „illiberale Demokratie" – Übersetzung: Wahlautoritarismus mit ethnonationalistischer Grundlage)
  • Frankreich: Le Pen / Bardella (Rassemblement National, Wahlkampf 2027 als nächste echte Bedrohung)
  • Deutschland: AfD (in der zweiten Hälfte vom Verfassungsschutz in mehreren Landesverbänden als gesichert rechtsextrem eingestuft)
  • Österreich: FPÖ (seit 2024 stärkste Partei, Bundeskanzlerschaft im Streit)
  • Spanien: Vox
  • Portugal: Chega
  • Niederlande: PVV
  • Polen: PiS (zurzeit in Opposition, aber organisationell ungebrochen)
  • Argentinien: Milei (libertär-faschistische Hybridform, eng vernetzt mit Trump und Bolsonaro)
  • Brasilien: Bolsonaro / die Liberal-Partei
  • Israel: Ben-Gvir, Smotrich – die religiös-zionistische Rechte als Sonderform eines ethnonationalistischen Autoritarismus

Diese Akteure tagen zusammen (CPAC Ungarn, CPAC Brasilien, National Conservatism Conference), übernehmen voneinander Wortschatz (remigration, deep state, cultural Marxism, grooming), teilen Spender:innen und Stiftungen (Heritage, Claremont, Mathias Corvinus Collegium in Budapest), und sehen sich selbst als Internationale.

Wir reden hier nicht über zufällig parallele nationale Phänomene. Wir reden über eine koordinierte, transnationale Bewegung, deren wichtigster Patron im Weißen Haus sitzt.


13. Die zehn Standard-Gegenargumente – und warum sie nicht ziehen

Ich sammle die seit Jahren. Hier alle auf einmal, mit Antwort:

„Aber er hat doch Wahlen gewonnen!" Hitler auch. Mussolini auch. Erdoğan auch. Orbán auch. Wahlen sind kein Faschismus-Ausschlusskriterium, sondern oft sein Einfallstor. Linz und Stepan haben das in The Breakdown of Democratic Regimes (1978) für ein Dutzend Länder durchexerziert.

„Aber es gibt doch noch eine Opposition!" Auch in Italien gab es bis 1925 noch eine Opposition. Auch in Deutschland gab es bis Frühjahr 1933 noch eine. Stadium 4 erlaubt eine Restopposition – bis es sich nicht mehr lohnt, sie zu dulden.

„Aber die Justiz funktioniert doch noch!" Wer die Robertson-Court-Entscheidungen von 2024 (Trump v. United States) ernsthaft als „funktionierende Justiz" bezeichnen will, lebt im falschen Land. Präsidentielle Immunität für „official acts" ist die juristische Grundausstattung eines Cäsarismus.

„Aber er ist doch nur ein Clown, kein echter Faschist!" Das war Mussolinis Trick: sich als bombastisch-lächerlich inszenieren, damit ihn niemand ernst nimmt, bis es zu spät ist. Hitler galt bis 1932 als „kleiner österreichischer Spinner". Wer aus Stil ableitet, dass keine Gefahr besteht, hat Politik nie kapiert.

„Aber er ist doch nicht so organisiert wie die NSDAP!" Nein, aber er hat etwas Effektiveres: die organisierte konservative Bewegung, die er übernommen hat. Heritage, FedSoc, NRA, evangelikale Megachurches, Fox News. Die NSDAP musste ihre Infrastruktur selbst aufbauen. Trump hat sie geerbt.

„Aber Faschisten waren Antikapitalisten, Trump ist Kapitalist!" Faschismus war nie antikapitalistisch. Faschismus behauptete, anti-Großkapital zu sein, war aber strukturell der beste Freund des Großkapitals (siehe Punkt 10). Die „sozialistische" Rhetorik der NSDAP wurde 1934 in der Nacht der langen Messer mit der Liquidierung des Strasser-Flügels endgültig begraben. Echte Wirtschaftspolitik des NS: Aufrüstungsboom für Krupp, Thyssen, Flick, IG Farben.

„Aber er macht keinen Krieg!" Annexionsdrohungen gegen Grönland, Kanada, Panama. Truppenentsendungen gegen US-Städte. Wirtschaftskrieg gegen die halbe Welt. Faschismus muss nicht Blitzkrieg sein, um Faschismus zu sein. Franco war 30 Jahre Faschist, ohne nochmal einzumarschieren.

„Aber die Amerikaner sind doch zu individualistisch für Faschismus!" Sinclair Lewis 1935: It Can't Happen Here. Lest das Buch. Es kann hier passieren. Es passiert hier.

„Aber wo bleibt der totale Staat?" Faschismus ist nicht Totalitarismus. Hannah Arendt hat in Origins of Totalitarianism (1951) sauber unterschieden: Totalitär war (in ihrer Lesart) nur Hitler ab 1938 und Stalin ab 1934. Mussolini war „nur" Faschist. Franco war „nur" Faschist. Faschismus ist die Vorstufe, nicht das Endstadium. Der Begriff „Faschist" greift, lange bevor „Totalitarismus" greift.

„Aber wenn ihr alles Faschismus nennt, wertet ihr den Begriff ab!" Diesen Satz höre ich seit zehn Jahren, und er ist intellektuell so faul, dass er weh tut. Erstens: Ich nenne nicht alles Faschismus. Ich nenne präzise und mit Begründung Trump einen Faschisten. Zweitens: Wenn der Begriff für eine real existierende faschistische Bewegung nicht mehr benutzt werden darf, damit er nicht abnutzt, dann ist er als Werkzeug bereits zerstört. Drittens: Die Personen, die diesen Satz am lautesten sagen, sind in den allermeisten Fällen genau jene, die den Begriff Faschismus von vornherein nie auf irgendetwas anderes als das tote NS-Regime angewandt hätten. Ihre Begriffshygiene ist in Wahrheit ein Schweigegebot.


14. Was tun – diesmal mit Substanz

Wenn du bis hier gelesen hast: Respekt, und vor allem: jetzt nicht aufhören.

Was nicht hilft:

  • Petitionen.
  • Twitter-Threads.
  • „Politische Bildung" an Leute, die längst Bescheid wissen.
  • „Differenzierte Analysen" in der FAZ.
  • Mit AfD-Wähler:innen reden, „um sie zu entzaubern". Das hat noch nie funktioniert. Hört auf damit. Es ist eine deutsche Lebenslüge.
  • Auf den nächsten Wahltermin warten, als sei das eine Lösung.

Was hilft:

  1. Organisieren. In Gewerkschaften (DGB, Basisgewerkschaften wie FAU, IWW), in Mietersyndikaten, in lokalen Antifa-Bündnissen, in Stadtteilinitiativen, in der Roten Hilfe, in Geflüchteten-Soli, in feministischen Strukturen. Vereinzelt seid ihr ein Tweet, organisiert seid ihr Politik.
  2. Schützen. Konkret die Verwundbarsten: migrantische Communities, jüdische Einrichtungen, Moscheen, queere Räume, Geflüchtetenunterkünfte. Nicht abstrakt, nicht performativ, sondern praktisch: Begleitdienste, Awareness, Adressen weitergeben, Notnummern teilen, Verstecke organisieren, Anwält:innen vorhalten.
  3. Nicht spalten lassen. Der zuverlässigste Trick im Lehrbuch ist, Linke gegen Liberale gegen Grüne gegen Sozialdemokrat:innen auszuspielen, während die Rechte marschiert. Wir hatten das alles schon mal. Es ging schlecht aus. Bündnispolitik nach links und in die liberale Mitte ist nicht Verrat, sondern Mindestanforderung. Wer das verweigert, ist nützlicher Idiot der Faschist:innen, egal ob aus Reinheits-Linkstum oder Anti-Linken-Ressentiment.
  4. Aufhören, höflich zu sein. Faschismus ist kein legitimer Diskursbeitrag. Faschistische Politiker:innen werden nicht moderater, wenn man sie „zu Wort kommen lässt". Sie werden moderater, wenn ihnen Wähler:innen verloren gehen, wenn sie sozial geächtet werden, wenn ihre Strukturen zerlegt werden. Deplatforming funktioniert. Strukturelle Konfrontation funktioniert. „Diskurskultur" mit Nazis ist die Selbstaufgabe des Diskurses.
  5. Solidarität international. Was Amerikaner:innen jetzt tun (Capital City Workers' Strike-Diskussionen, Sanctuary Cities, Underground Railroads für Geflüchtete und trans Menschen), braucht europäische Unterstützung. Konkret. Geld, Strukturen, Aufnahmebereitschaft. Wir sind im Mai 2026 in einer Situation, in der die USA für bestimmte Bevölkerungsgruppen exit-relevant geworden sind. Das ist eine historische Tatsache und keine Übertreibung.
  6. Eigene Infrastruktur aufbauen. Mastodon statt X. PeerTube statt YouTube. Signal statt WhatsApp. Tor, Tails, OpSec lernen. Lokale Mesh-Netzwerke. Eigene Medien (Blogs wie dieser hier – jeder kleine Blog ist besser als kein Blog). Der Faschismus 2026 ist digital, der antifaschistische Widerstand muss es auch sein.
  7. Geschichte lernen. Wirklich, nicht halb. Lest Paxton, Eco, Stanley, Snyder, Ben-Ghiat, Theweleit, Benjamin, Arendt, Klemperer (LTI!), Reck-Malleczewen, Sebastian Haffner. Wer den Faschismus verstehen will, muss verstehen, wie er sich anfühlt, von innen, in der Sprache, in der Atmosphäre. Diese Bücher sind kein Luxus, sie sind Werkzeug.
  8. Körperlich gesund bleiben. Klingt banal, ist es nicht. Faschistische Mobilisierungen dauern Jahre. Wer in den ersten zwölf Monaten an Erschöpfung zerbricht, hilft niemandem. Schlaf, Sport, Therapie, Pausen. Das ist nicht Selbstoptimierung, das ist Kriegslogistik.

15. Schluss

Donald Trump ist ein Faschist. Nicht „faschistoid". Nicht „autoritär-populistisch". Nicht „illiberal". Nicht „extrem-konservativ". Nicht „rechts-Trumpist".

Faschist. Im präzisen, technischen, wissenschaftlichen Sinne des Wortes, wie ihn Paxton, Eco, Stanley, Ben-Ghiat, Snyder und ein internationaler Konsens der Faschismusforschung verwendet.

Das auszusprechen ist keine Übertreibung. Es ist Mindestanforderung intellektueller Redlichkeit im Jahr 2026.

Und Mindestanforderung politischer Handlungsfähigkeit ist es, daraus die Konsequenzen zu ziehen, solange das geht. In den USA. In Europa. Hier. Heute. Nicht morgen.

Wer heute noch „aber so weit ist es doch nicht" sagt, sagt das, was Generationen vorher auch gesagt haben. Es endete nie gut. Lasst uns dieses eine Mal nicht warten, bis die Geschichtsbücher schreiben, wir hätten es „auch nicht so kommen sehen".

Wehrt euch. Organisiert euch. Schützt einander. Und nennt das Ding beim Namen.


Quellen und Weiterlesen, alphabetisch:

  • Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, 1951 (dt. 1955)
  • Ruth Ben-Ghiat, Strongmen: Mussolini to the Present, W. W. Norton, 2020
  • Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, 1936
  • Umberto Eco, „Ur-Fascism", The New York Review of Books, 22. Juni 1995
  • Federico Finchelstein, A Brief History of Fascist Lies, University of California Press, 2020
  • Sebastian Haffner, Geschichte eines Deutschen. Die Erinnerungen 1914–1933, postum 2000
  • Heritage Foundation, Mandate for Leadership: The Conservative Promise (Project 2025), 2023
  • Victor Klemperer, LTI – Notizbuch eines Philologen, 1947
  • Sinclair Lewis, It Can't Happen Here, 1935
  • Juan J. Linz / Alfred Stepan (Hg.), The Breakdown of Democratic Regimes, Johns Hopkins UP, 1978
  • Robert O. Paxton, The Anatomy of Fascism, Knopf, 2004
  • Robert O. Paxton, „I've Hesitated to Call Donald Trump a Fascist. Until Now.", Newsweek, 11. Januar 2021
  • Nicos Poulantzas, Fascisme et dictature, 1970
  • Friedrich Reck-Malleczewen, Tagebuch eines Verzweifelten, postum 1947
  • Timothy Snyder, On Tyranny: Twenty Lessons from the Twentieth Century, Tim Duggan Books, 2017
  • Timothy Snyder, On Freedom, Crown, 2024
  • Gregory H. Stanton, The Ten Stages of Genocide, Genocide Watch, fortlaufend aktualisiert
  • Jason Stanley, How Fascism Works: The Politics of Us and Them, Random House, 2018
  • Klaus Theweleit, Männerphantasien, 1977/78

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